Fenris Creations arbeitet mit Google DeepMind zusammen und macht ausgerechnet EVE Online zum Trainingsfeld für die nächste Generation künstlicher Intelligenz. Wir haben mit CEO Hilmar Pétursson und mit Áslaug Arna Sigurbjörnsdóttir, ehemalige isländische Justizministerin und mittlerweile für KI-Partnerschaften bei Fenris zuständig, gesprochen. Es geht um Superbots, ein 20 Jahre altes Weltraum-MMORPG als Testfeld für KI-Moral und die Frage, ob Politiker von New Eden lernen sollten.
Warum ausgerechnet EVE Online? DeepMind hat sich über die Jahre an immer komplexeren Spielen abgearbeitet. Von Atari über Go bis StarCraft. Schon 2017 habe Hilmar mit DeepMind-Chef Demis Hassabis darüber gesprochen, was der „ultimative Endboss aller Spiele“ wäre. Seine Antwort: „EVE Online dürfte das größte, komplizierteste und schwierigste Spiel sein, das die Menschheit je gespielt hat, neben dem echten Leben.“
Der entscheidende Unterschied zu Go oder StarCraft sei aber, dass EVE kein Ende und keine klare Siegbedingung hat. Es ist, wie Hilmar es beschreibt, eher ein Leben, das man lebt, als ein Spiel, das man spielt. Inklusive echter Freundschaften und erlernter Fähigkeiten, zwischen Excel und Konfliktlösung. Genau diese Komplexität soll KI-Systemen helfen, in einer Art Sandbox zu reifen, bevor sie in der echten Welt Verantwortung übernehmen können.
Kürzer gefasst, bringt es Hilmar so auf den Punkt: „EVE ist das schwierigste Spiel überhaupt. Menschen können es gerade so spielen. Wenn wir also etwas bauen wollen, was menschliche Kapazitäten überschreitet, muss es EVE Online spielen können.“
Was Regierungen von New Eden lernen können
Was denkt die Politik darüber? Besonders spannend ist dabei Áslaugs Blick von der Politik auf ein Spieleruniversum wie New Eden. Auf die Frage, was echte Regulierungsbehörden von einem komplexen, spielergetriebenen Universum wie EVE lernen könnten, antwortet sie inspiriert.
Über Spiele habe man KI im Laufe der Jahre trainiert, komplexe globale Herausforderungen zu lösen. Bei den großen Fragen rund um Moral und Verhalten von KI-Agenten brauche es virtuelle Welten, in denen man sie testen kann, bevor man sie in Gesellschaft und Wirtschaft lässt.

Das EVE-Universum sei dafür einzigartig geeignet. Menschen, die kooperieren und einander betrügen, um sich wirtschaftliche Vorteile zu verschaffen. Sandboxes in genau dieser Welt zu bauen, um autonome KI-Agenten zu testen, die bald auch in unserer echten Wirtschaft agieren, das könnte laut Áslaug entscheidend sein.
Ihr Fazit fällt dabei mahnend aus: Politiker weltweit würden sich noch nicht ausreichend auf den bevorstehenden Umbruch vorbereiten. Sie hoffe, dass man von dem lernen könne, was gerade in New Eden passiere.
KI in EVE Online? Nicht ohne eure Zustimmung
Wie beruhigt man die Community? Dass viele Spieler KI in der Gaming-Branche vor allem mit Jobabbau und lieblosen Inhalten verbinden, ist auch Fenris bewusst. Hilmars Antwort darauf ist simpel: Die Community soll entscheiden, ob die Arbeit gut ist.
Als Beispiel nennt er Aura Guidance, den mit Google Gemini gebauten Helfer-Agenten für neue Spieler. Dieser kommt bislang gut bei den Fans an. Sein Vertrauen in die Community ist dabei fast schon augenzwinkernd: „Ich habe noch nie erlebt, dass EVE-Spieler schüchtern sind, wenn es darum geht, Dinge beim Namen zu nennen.“
Alles, was Fenris mit DeepMind entwickelt, soll sich an genau diesem Maßstab messen lassen müssen. Das soll über einen klaren Weg passieren: Erst private Forschungs-Sandbox, dann EVE Frontier als Testumgebung, und erst danach, sehr selektiv und gemeinsam mit dem Council of Stellar Management, eventuell EVE Online selbst.

Genau bei diesem Thema holt auch Áslaug Arna Sigurbjörnsdóttir aus. Auf die Frage, ob klare Grenzen wie bei Aura Guidance der Schlüssel zum Vertrauen der Community sind, antwortet sie eindeutig mit Ja.
Fenris habe bei der Einführung von Aura Guidance explizit klargestellt, dass das Tool keine generative Kunst nutzt, keine kreative menschliche Arbeit ersetzt und keine Lore generiert. Dieselbe Grenze gelte auch für alle weiteren KI-Forschungsprojekte von Fenris. Klarheit und Transparenz gegenüber der Community seien entscheidend, so Áslaug, und man werde dazu auch weiterhin Feedback aus der Community einholen.
Bekommen Fleet Commander bald einen KI-Assistenten? Hilmar zieht hier den Vergleich zu Google Maps: Was früher eine Papierkarte und viel Rätselraten war, ist heute ein Werkzeug, das die Komplexität einer ganzen Stadt auf ein Handydisplay runterbricht.
Genau das sieht er auch für EVEs unübersichtliche Sternenkarte als möglich an. Und dass, ohne dass das Spiel dadurch simpler werden soll. Nur die richtigen Informationen sichtbarer. Auch bei NPCs, die in EVE übrigens wortwörtlich „Agents“ heißen, sieht er Potenzial: Bessere KI könnte hier für interessanteres Verhalten sorgen, statt der aktuell eher simplen Entscheidungsbäume.
Superbots, Botting-Kriege und ein empfindliches Gleichgewicht
Aber was ist mit der Wirtschaft? Ein Thema, das vielen EVE-Veteranen sofort Sorgen bereiten dürfte: Was passiert mit der Spielerwirtschaft, wenn KIs mitmischen? Hilmar macht hier kein Geheimnis daraus, dass er „Superbots“ für unvermeidlich hält. Schließlich bauen sich Spieler schon heute mit frei verfügbaren KI-Modellen ihre eigenen.
Seine Lösung dafür ist einfacher gesagt als getan: Lieber selbst vorausdenken, als überrollt zu werden. „An irgendeinem Punkt nutzen wir vermutlich Bots, um Bots zu bekämpfen. Nur, um in EVE nicht den Verstand zu verlieren“, sagt er halb im Scherz.

EVE Frontier, das neue Survival-MMO im selben Universum, wurde dafür schon mit einem Mechanismus ausgestattet, der jede Aktion Treibstoff oder Energie kosten lässt. Auch das soll ein zusätzliches Werkzeug gegen hochentwickeltes Botting sein, das aus 20 Jahren Erfahrung mit EVE Online entstanden ist. Es hindert automatisierte Piloten daran, normale Spieler gnadenlos zu outperformen.
Bleibt die Kunst von Fenris menschlich? Ja, zumindest vorerst. Auf die direkte Frage, ob KI aktuell Assets oder Content für EVE Online erstellt, antwortet Hilmar knapp mit „Nein“. Höchstens als Inspirationsquelle, ähnlich wie früher die Google-Bildersuche. Die Qualität der KI-Generierung sei für das Kunstteam von Fenris, laut Hilmar das meistgefeierte Team unter den Spielern, schlicht noch nicht auf dem nötigen Niveau. Sein Fazit: „Repariere nichts, was nicht kaputt ist.“
Fünf Jahre in die Zukunft gedacht
Wann ist Fenris zufrieden? Zum Abschluss haben wir sowohl Hilmar als auch Áslaug dieselbe Frage gestellt: Welcher Meilenstein in fünf Jahren würde die Partnerschaft für sie zu einem klaren Erfolg machen?
Hilmar denkt dabei vor allem an die Science-Fiction, die EVE Online, EVE Frontier und EVE Vanguard mitgestalten könnten. Wenn diese fiktiven Welten maßgeblich zur echten Zukunft in fünf Jahren beitragen, wäre das für ihn ein großer Erfolg.
Áslaug antwortet konkreter: Für sie wäre der Erfolg ein Ort, an dem man autonome KI-Agenten testen kann, bevor sie freigegeben werden, und an dem man sich den großen Fragen gestellt hat, wie Wirtschaft und Demokratie neben ihnen bestehen können. Ihre Hoffnung ist, dass KI am Ende Menschen entlastet und eine Kraft zum Guten für die Menschheit wird.
Was haltet ihr von der DeepMind-Partnerschaft? Seht ihr das eher als spannendes Forschungsprojekt oder habt ihr Bauchschmerzen, wenn KI-Agenten in eurem Sandbox-Universum mitspielen? Schreibt es uns gerne in die Kommentare, direkt hier bei MMO News oder auf unserem Discord.
Das vollständige, ungekürzte Interview mit Hilmar und Áslaug findet ihr auf Seite 2.
